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Religionshistorikerin und Expertin auf dem Gebiet der empirischen Religionsforschung. Forschungsbereich: Muslime in Europa..
Alles über Mortality..

Publikationen seit 1995..

Untersuchung über die Fähigkeit islamischer Organisationen zu interner Differenzierung und Außenkommunikation in Deutschland..
Mit links zu: Network on Islamic Research in Europe (Nocrime) und European Project for Interreligious Learning (Epil)..
Weibliche Karrieren in islamischen Gemeinden (Helsinki 3.2002). Religion und Organisation (Marburg 10.2002)..
 

 


Der elfte September in Berlin

Gerdien Jonker

Wenn man ganz genau weiß, was man erzählen will und wieviel davon, das ist, denke ich, nicht in Ordnung. Jedenfalls es führt zu nichts. Man muß anfangen, und man weiß natürlich, womit man anfängt, das weiß man schon, und mehr eigentlich nicht, nur der erste Satz, der ist noch zweifelhaft (Bobrowski 1964:1).

I.
Am Dienstag den 11. September, eine Woche nach dem Flugzeugangriff in Amerika, standen drei Sätze zur Auswahl, die die Muslime in aller Welt in eine neue Erzählordnung einwiesen. Die Rede war von den Guten gegen die Bösen, von einer Zivilisation im Kampf gegen eine unzivilisierte Restwelt, so wie von einem Kreuzzug, der gegen das Böse geführt werden müsse. Sprecher solcher Sätze waren ausnahmslos Nichtmuslime, die sich selbst in der Rolle der Guten darstellten, während die Anhänger der islamischen Tradition den Part des Bösen zugeschrieben bekamen.
Um zu verstehen, wie die drei Sätze von Muslimen gehört wurden, brauchte man nicht all zu weit zu gehen, weder bis nach Palestina, noch bis nach Afghanistan. Bereits in der Berliner Talkshow "Talk am Platz" konnte der interessierte Zuschauer an den roten Ohren des Pressesprechers der örtlichen Islamischen Gemeinschaft Milli Görüsh ablesen, wie der Mann eine Ahnung davon bekam, sich auf der Anklagebank wieder zu finden. Die meisten Reaktionen im Saal waren übrigens noch ganz spontan und zeugten von einem Zutrauen, das zwar dabei war, aufgekündigt zu werden, den Ahnungslosen dennoch weiter umgab wie ein zu eng gewordenes T-Shirt. Eine junge Türkin mit Kopftuch sagte: "Wir dachten, au waja dachten wir, jetzt sind wir dran!" und lächelte entschuldigend in Richtung Kamera. Und der Imam des Kreises Deutscher Muslime erntete milden Applaus, als er die Argumente hervorbrachte, die in den Monaten danach noch tausendfach gewogen und für zu leicht befunden werden sollten: "Islam bedeutet Frieden. Das waren keine Muslime. Die solche Taten verrichten, das sind keine Gläubige!". Der Pressesprecher hatte jedoch bereits Witterung aufgenommen, er baute bereits an krummen Sätze, redete darauf los wie ein Gewerkschaftler, verhedderte sich hoffnungslos in grammatischen Windungen, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt waren, und, wie gesagt, seine Ohren glühten.
Der Verdacht war im Studio mit dabei. Es war ein konkreter Verdacht. Er hatte einen Namen und einen Ort und war von einem Muslim in die Welt gesetzt, also mußte er stimmen. Der Talkshowmaster verhalf ihm griffig zur Evidenz, indem er bekannte deutsche Geschichte mit der ungewissen Gegenwart zusammen blendete: "Klammheimliche Freude". Worum ging es? In der Moschee X, im Herzen Kreuzbergs, gewissermaßen auch im Herzen der muslimischen Gemeinschaft Berlins, sollte es zu spontanen Beifallsbekundungen gekommen sein, man sollte dort beim Anblick der brennenden Türme geklatscht, gejubelt, ja Bonbons verteilt haben. Der Politiker der Stunde, der schwäbische Anatolier mit dem guten Gewissen und der political correctness tat, was von ihm erwartet wurde, widerstand dem blendenden Studiolicht mit geraden Rücken und einem Mienenspiel, das genau die richtige Mischung aus Empörung und Redlichkeit aufwies, und rief in den Saal hinein "Hinterhofmoscheen und unkontrollierte Korankurse! Darüber müssen wir jetzt reden!" Das Publikum klatschte Beifall und es war eine gewisse Erleichterung zu spüren. Die Ursachen für den Angriff auf die US waren nunmehr zuhause geortet und der Feind war bereits gesichtet worden. Mehr noch, er saß im Saal und trug den Namen des geliebten Berliner Feindbildes. Damit kannte man sich aus. Der grundlegenden Verunsicherung, die der Angriff ausgelöst hatte, wich eine trügerische Sicherheit, man wisse jetzt, Gott sei dank, was zu tun sei.

II.
Kurz nach den Ereignissen des 11. Septembers ging eine Flut von Presseerklärungen durch die Bundesrepublik. Islamische Organisationen jeder ethnischen Richtung und religiöser Couleur bekundeten darin ihre Betroffenheit und sprachen Solidarität mit den Opfern aus. Sie handelten in dem traurigen und für alle noch unbegreiflichen Wissen, daß es Muslime gewesen waren, also ihre Brüder im Glauben, die sich zudem vorher noch rituell gereinigt und das Gebet gesprochen hatten, um dann dieses Massaker ungekannter Brutalität anzurichten. In dem Schrecken der Stunde hatten die Unterzeichner der Erklärungen nur eine Gewißheit, die in unterschiedlichen Formulierungen zur Sprache drang: "Das ist Mißbrauch unserer Religion" (Jamaatunnur 13.09), "Wer das macht, kann sich nicht auf dem Islam berufen" (AKBM 17.09), "Das ist dem Islam zutiefst zuwider" (ZIF 16.09), "In keinster Weise religiös begründbar" (IPD 16.09). Man drängte darauf, sich in dieser Stunde an den Werten der Religion zu orientieren und im übrigen "den gesunden Menschenverstand" walten zu lassen (AKBM). Andere Texte sprachen von "universellen menschlichen Werten", die nun endlich Eingang finden sollten, oder auch davon, daß der Dialog nur erfolgreich sein könne, wenn zwischen einzelnen Menschen ein Vertrauensverhältnis existiere (IFB 12.09 und 16.09). Man müsse jetzt mehr als je zuvor "ein friedliches Zusammenleben fordern" (ZIF). Auch sei jetzt ersichtlich, wie notwendig religiöse Erziehung sei (IPD).

Der Ton der Erklärungen gipfelte bereits hier und dort in Selbstverteidigung. Manche nahmen schon ihre Zuflucht zu dem Korantext: "Wenn jemand einen Menschen tötet, so soll es sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet", der einige Wochen später wie ein Riegel vor die kollektiven Schuldzuweisungen geschoben werden sollte. Andere suchten einen Ausweg, indem sie das Unerklärliche, das nun wie ein Alb auf alle Muslime lastete, in die Eindeutigkeit universeller Zahlenmystik verwandelten, so, als ob es nicht anders hätte kommen können, Schicksal eben:

"Date of attack: 11/9 - 9+11 = 11
September 11 is the 254th day of the year: 2+5+4 = 11
119 is the area code of Iraq
Twin towers standing side by side, looking like the number 11
The first plane to hit the towers was Flight no. 11". (etc., etc.)
(Raza Academy 19.09)

Lediglich die Presseerklärung der Nurculuk schaute unverwandt in den Abgrund. Muslime seien zwar zivilisierter geworden, so stellte sie resigniert fest. Dennoch:

"Mit grossem Bedauern müssen wir feststellen, dass es manche Muslime gibt, die nicht nach dem Islam handeln. Oder sie fühlen sich unterdrückt oder ihrer Rechte beraubt. Aus welchen Gründen auch immer sehen sie sich provoziert oder unterdrückt und tendieren daher zu Gewaltanwendungen, dass hieße nicht, dass wir die Gewalt akzeptieren".

Nur die Pflege guter Charaktereigenschaften, etwa ein feinfühliges Empfinden oder die Fähigkeit zur Liebe könne Zerstörung vorbeugen. Wer auch immer sich einer solchen Anstrengung nicht widme, wer sich den Mühen, sich wie ein Mensch zu benehmen verschließe, dafür gelte jedoch, was ein deutscher Philosoph bereits längst auf dem Punkt gebracht hatte, "Der Mensch ist des Menschen Wolf" (Jamaatunnur).


III.
Die vielen islamischen Presseerklärungen in der Bundesrepublik bildeten miteinander eine klare und eindeutige Stimme der Ablehnung. Sie versuchten beinahe verzweifelt, die Bluttat von dem Islam zu dissozieren und stattdessen an die menschliche Urteilskraft, an den gesunden Menschenverstand und an gemeinsame menschliche Werte zu appellieren. Die Stimme der Muslime wurde aber in der Medienöffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen. Das lag zum Teil daran, daß sie in dem Sinne auch keine neue Nachricht überbrachte. Dramen und Sensation sind der Stoff, aus denen die Massenmedien ihre Nachrichten produzieren. Dem Soziologen Niklas Luhmann zufolge können sie auch kaum anders. Denn es ist ja ihre Funktion, mit immer neuen Nachrichten eine Realität zu erzeugen, die kommunizierbar ist. Aber welche Nachricht ist anschlußfähig an die Kommunikation? Nach Luhmann hat nur das Nachrichtenwert, was Konflikte und Normverstöße transportiert, also das, was Sensation erzeugt. Ein ethischer Diskurs, zumal in einer religiösen Sprache gefaßt, findet im Nachrichtenbereich keinen Zugang. Auch wenn die Evangelische Kirche Deutschland, sagen wir mal, in der Karwoche die Pressemeldung ausgehen lassen würde: "Christus ist für uns gestorben", dürfte das kaum Aufsehen erregen, und, vor allen Dingen, nicht der Nachricht wert befunden werden.

Die Presse derweil hatte Anderes zu tun. Es gab die Spur nach Hamburg und Bochum, die erkundet werden mußte. Es gab das entschlossene Auftreten des Innenministers. Es gab das selbstsichere, beinahe fromme Gesicht des amerikanischen Präsidenten, das immer wieder zu prime time eingeblendet werden mußte. Ja, es gab allerlei zu tun. Als Begleiter der Nachrichten erschienen die Hintergrundberichte, in denen die Religion der Muslime abermals aufs Korn genommen wurde: Eine gefährliche Religion sei diese, eine, die zu Gewalt aufrufe. Frauen verachtend, patriarchal, fundamentalistisch, zurückgeblieben, unmodern, you name it. Sogar der Terminus "Hitlers Enkel" fiel, was eigentlich unpassend war. Da zeichnete man das Profil des Feindes, des äußeren und des inneren, und nun führte die Spur doch wieder auf einen selbst zurück. Es kam aber von dem Göttinger Professor, selber ein Muslim, der die Deutschen schon seit zwanzig Jahren gegen die muslimische Gefahr gewarnt hatte, so einer könne es wissen, so einem vergab man gerne dem sprachlichen Fehltritt (Potsdamer Neueste Nachrichten 19.11).

Unter den wenigen Analysen, die sich dieser Lawine entgegen stemmten, befand sich auch diejenige von deutschen Orient- und Islamwissenschaftlern. Beim Angriff auf die twin towers handle es sich keineswegs um die Geltungsmacht einer Religion, vielmehr ginge es um einen handfesten Konflikt, nämlich um die Verteilung von Machtspositionen im Nahen Osten, hieß es bereits in ihrer Stellungnahme von 21.09:

"Besonders die gegenwärtige politische Situation im Vorderen Orient (Stichwort: Palestinakonflikt) sowie die Rolle der USA in der Nahostpolitik der letzten 50 Jahre werden in den Berichten vernächlässigt. (...) Die von einigen Medien suggerierte Gleichung Muslim = Fundamentalist = Terrorist ist absurd und dem Zusammenleben verschiedener Nationen und Religionen abträglich. (...) Nur politische Veränderungen werden die Voraussetzungen dafür schaffen können, daß dem Terrorismus der Nährboden entzogen wird".

Eine Vorahnung, welche Wendung die Politik des Vorderen Orient nunmehr nehmen könne, sprach auch Aktion Sühnezeichen in ihrer Erklärung zum Terroranschlag aus: "(...) durch die aktuelle weltpolitische Situation liegt es nahe, dass sich insbesondere Juden in aller Welt bedroht bis retraumatisiert fühlen" (12.09). Aber weder die deutschen Islamwissenschaftler noch der Vorstand der Aktion Sühnezeichen bestimmten in den Wochen und Monaten nach dem Anschlag die Massenmedien. Die prominentesten Zeichen an der Wand malten allesamt die "Gefahr Islam" aus. Heute, elf Monate später, sind die Zeichen schon wieder verblichen, die akute Schuldzuweisung beinahe zurückgenommen. Nur die Analysen der beiden Spezialistengruppen, beide mit einem intimen Insiderwissen über die Verhältnisse des Vorderen Orient, haben sich durch die steigende Spirale der Gewalt in Israel und Palestina bestätigt. Was sagt uns das? Es sagt uns einmal, daß die Hersteller einer Nachricht und die Realität derjenigen, über die diese Nachricht handeln soll, manchmal Lichtjahre von einander entfernt sind. Es sagt uns auch, daß es in diesem besonderen Fall eine Problemanzeige in der Abstimmung von Innen- und Außenwahrnehmung gibt, die in Richtung Definitionsmacht weist: Die Einen wissen ganz genau, was sie über die Anderen erzählen wollen und haben dafür die exklusiven Erzählrechte erworben.

IV.
Einige Tagen nach der Fernsehausstrahlung des Berliner Talkshows "Talk am Platz" besuchte ich den Imam, in dessen Aufsichtsbereich die inkriminierte Kreuzberger Moschee lag. Ich fragte ihn, wie es so ging. Er antwortete, die New Yorker Katastrophe mache ihn traurig. Aber daß man auf dem kürzesten Weg auch noch alle Muslime die Schuld daran gegeben habe - das mache ihn noch mal besonders traurig. Dann hob er an. Islam hätte mit einer solchen Tat nichts zu tun. Das, was geschehen sei, sei eindeutig haram. Schließlich gäbe die islamische Tradition ein Kriegsrecht vor, das ganz genau festlege, wie ein Muslim sich in einer kriegerischen Auseinandersetzung zu verhalten habe. Erstens dürften sie niemals Nichtmuslime angreifen. Zweitens dürfe man Kinder, Frauen, Arbeiter und Haushaltsvorstände niemals, unter gar keinen Umstand, in die Kriegshandlung mit einbeziehen. Und drittens, darauf käme es jetzt insbesondere an, wäre einmal ein Pakt mit der nichtmuslimischen Welt abgeschlossen, im Sinne einer Handels-, oder auch einer anderen Übereinkunft, so müßten Muslime sich dieser unterwerfen. So sei das nun mal, daran hätten alle sich zu halten. Was er, der Imam, mir erzähle, sei etwas, das allen Gläubigen hinlänglich bekannt wäre. Und wer sich nicht daran hielt, der gehöre nicht mehr dazu! Eine Gruppe Amerikaner jedoch, die im Augenblick in den Massenmedien mehr Gehör geschenkt bekäme als die Muslime selber, behauptete etwas Anderes, etwas ganz und gar Törichtes. Diese Leute betrieben die Gleichstellung des Wortes "Islam" mit "Terror". Für ihn, den Kreuzberger Imam, sei diese Gleichstellung inzwischen zum größten Terror ausgewachsen.

Mein Gesprächspartner hatte die lähmende Wirkung der Machtlosigkeit erfahren und tat nun das, was ihm aus seiner Sicht noch übrig blieb zu tun. Er erklärte mir bis ins kleinste Detail die zwingende Bedingungen des religiösen Gesetzes, dessen Vertreter er war. Er stellte Ethik über Gewalt und einen formalisierten, weil offenbarten, Handlungsrahmen über die Unwägbarkeiten der Handlungsfreiheit. Es waren seine Mittel, um sich gegen die Definitionsmacht Anderer zu Wehr zu stellen. Nur im Reden ließen sich auch wieder die Grenzen errichten, hinter denen sich die religiöse Tradition eingerichtet hatte. Der Imam wollte von mir Anerkennung und auf keinem Fall Kritik. Er dachte auch nicht daran, die augenblickliche islamische umma einer kritischen Betrachtung zu unterwerfen. Vielleicht verspüren alle Vertreter religiöser Traditionen von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, die ‚Ist'-Lage mit ihrer jeweiligen ‚Soll'-Forderung zu vertauschen, um die Verstöße der Stunde nicht als absolute Realität hinnehmen zu müssen. Es mag sogar sein, daß ein solcher Tausch dem religiösen Denken inhärent ist. Wie auch immer, mein Gesprächspartner stellte überall Verbotsschilder auf und klammerte sich an die Schönheit seiner Religion wie ein Ertrinkender. Dafür gab es einen Grund. Wir schrieben bereits den 25. September und die Lage unter den Berliner Muslimen war inzwischen mehr als angespannt.

V.
Was der Imam nicht mit mir bereden wollte, war anderswo laut und deutlich vernehmbar. Die Situation eskalierte täglich. Viele Gemeinden empfingen anonyme Drohungen oder haßerfüllte Emails und die Islamische Gemeinschaft Milli Görüsh war insgesamt zur "Islamischen Terrorgruppe" erklärt worden. Im Arbeitskreis Berliner Muslime war Tags zuvor Unmut zu hören gewesen: "Müssen wir uns etwa verteidigen? Wir brauchen das nicht!" Und junge muslimische Sozialarbeiterinnen erzählten mir von einer wachsenden Aggressivität muslimischer Jugendlichen: "Die haben es satt, angemacht zu werden. Sie fühlen sich nicht verantwortlich für die Anschläge, nur weil sie auch Muslime sind!" Ein bisschen meinten sie auch sich selbst: "Die Leute starren einen an in der U-Bahn! Manchmal möchte ich schreien: Ich bin doch nicht eine von denen!" Kurzum, Muslime in Berlin befanden sich auf einmal in der wenig beneidenswerten Lage, die kollektive Schuldzuweisung in die Schuhe geschoben zu bekommen.

Es gab jedoch noch eine andere Seite, eine, die meine Gesprächspartnerinnen mit Scham, aber auch mit Stolz erfüllte und die sie sorgfältig vor mir verborgen zu halten versuchten. Sie wurde schließlich von einer nichtmuslimischen Berliner Lehrerin auf den Punkt gebracht. Die Einschulung der siebten Klasse, so ihr Fazit, war in diesem Jahr anders verlaufen als sonst. Sie hatte diesmal gar keinen Kontakt zu den Kindern herstellen können. Die arabischen und türkischen Jugendlichen schienen indes im Nerv getroffen zu sein, die Jungen benahmen sich grob und martialisches. Bin Laden war ihr Held. Noch nie, sagte sie, war sie als "Christin" beschimpft worden. Nun war es Fakt.

Es brauchte schon eine muslimische Elite, um dieses explosive Gemisch aus Opferstatus und Heldenverehrung zu analysieren und eine Kritik zu formulieren. Es gab sie, die muslimische Kritiker, aber nur eine Handvoll: Der Islamwissenschaftler und Idol der französischen muslimischen Jugend Tariq Ramadan, Soheib Bencheikh, Großmufti von Marseille, die britischen Schriftstellern Salman Rushdie und Ziauddin Sardar, der Beyruther Dichter Abbas Baydoun, der deutsche Autor Zafer Senocak sowie der deutsche Navid Kermani, Verfasser einer umfangreichen Koranstudie. Man füge noch Abu Zaid, der ägypter Theologe im Leidener Exil, hinzu und schon wäre die Liste komplett. Sie alle wiederholten eigentlich nur Eines: Die Islamische Welt kennt keine Gesprächskultur und keine Ansätze zu kritischen Diskurs. Sie ist noch nicht mal in der Lage, die eigene Verantwortung zu erkennen. Dafür gibt es "den Sieg der Einheit und Gleichmacherei über die Vielfalt und Meinungsverschiedenheit", sowie "die Wahnvorstellung der kollektiven Unterdrückung" (Baydoun). Es sind dies Worte einer Elite, die die Basis noch nicht erreicht hat.

Die Änderung, die sich im muslimischen Berlin vollzog - eingegeben vom Gefühl, zu Unrecht Opfer geworden zu sein und vermischt mit der (verbotenen) Freude, "denen" endlich mal eins ausgewischt zu haben - schien sich anderswo auf der Welt ebenso zu vollziehen. Das Fernsehen brachte Bilder, die die Verbotsschilder, welche mein Berliner Imam errichtet hatte, Lügen strafte: Applaudierende Menschenmengen in Nigeria, Berichte von britischen muslimischen Jugendlichen, die sich den Kampfhandlungen anschließen möchten, Demonstrationen auf den Philippinen oder in Indonesien. Deutsche Zeitungen berichteten von Websites, die zum Erwerb von Waffen aufriefen und deren Spur zur Islamischen Gemeinschaft Milli Görüsh führe. So mancher meiner muslimischen Bekannten stand zudem eine Freude ins Gesicht geschrieben, die sich kaum verbergen ließ.

Das alles hat eine sich stetig vertiefende Trennung zwischen "Ihr" und "Wir" zu Folge gehabt, die heute schon beinahe wieder zum festen Inventar gehört. Die vorsichtige Kontaktaufnahme, die in den letzten Jahren in Berlin zu beobachten war, ist Schweigen gewichen. Auch auf muslimischer Seite hat sich eine Erzählung Bahn geschafft, die die Innenwahrnehmung über die Außenwahrnehmung stellt und vornherein schon ganz genau weiß, wie es um den Anderen stehe. Zwar ist diese Erzählung eine Reaktion auf die erste Erzählung, die in den ersten Wochen und Monaten den Massenmedien beherrschte. Trotzdem. Nun weiß man auf beiden Seiten all zu genau, was man erzählen will und wieviel davon, und wie gesagt, das ist nicht in Ordnung.