Der elfte September in Berlin
Gerdien Jonker
Wenn man ganz genau weiß, was man erzählen
will und wieviel davon, das ist, denke ich,
nicht in Ordnung. Jedenfalls es führt zu
nichts. Man muß anfangen, und man weiß
natürlich, womit man anfängt, das
weiß man schon, und mehr eigentlich nicht,
nur der erste Satz, der ist noch zweifelhaft
(Bobrowski 1964:1).
I.
Am Dienstag den 11. September, eine Woche nach
dem Flugzeugangriff in Amerika, standen drei
Sätze zur Auswahl, die die Muslime in aller
Welt in eine neue Erzählordnung einwiesen.
Die Rede war von den Guten gegen die Bösen,
von einer Zivilisation im Kampf gegen eine unzivilisierte
Restwelt, so wie von einem Kreuzzug, der gegen
das Böse geführt werden müsse.
Sprecher solcher Sätze waren ausnahmslos
Nichtmuslime, die sich selbst in der Rolle der
Guten darstellten, während die Anhänger
der islamischen Tradition den Part des Bösen
zugeschrieben bekamen.
Um zu verstehen, wie die drei Sätze von
Muslimen gehört wurden, brauchte man nicht
all zu weit zu gehen, weder bis nach Palestina,
noch bis nach Afghanistan. Bereits in der Berliner
Talkshow "Talk am Platz" konnte der
interessierte Zuschauer an den roten Ohren des
Pressesprechers der örtlichen Islamischen
Gemeinschaft Milli Görüsh ablesen,
wie der Mann eine Ahnung davon bekam, sich auf
der Anklagebank wieder zu finden. Die meisten
Reaktionen im Saal waren übrigens noch
ganz spontan und zeugten von einem Zutrauen,
das zwar dabei war, aufgekündigt zu werden,
den Ahnungslosen dennoch weiter umgab wie ein
zu eng gewordenes T-Shirt. Eine junge Türkin
mit Kopftuch sagte: "Wir dachten, au waja
dachten wir, jetzt sind wir dran!" und
lächelte entschuldigend in Richtung Kamera.
Und der Imam des Kreises Deutscher Muslime erntete
milden Applaus, als er die Argumente hervorbrachte,
die in den Monaten danach noch tausendfach gewogen
und für zu leicht befunden werden sollten:
"Islam bedeutet Frieden. Das waren keine
Muslime. Die solche Taten verrichten, das sind
keine Gläubige!". Der Pressesprecher
hatte jedoch bereits Witterung aufgenommen,
er baute bereits an krummen Sätze, redete
darauf los wie ein Gewerkschaftler, verhedderte
sich hoffnungslos in grammatischen Windungen,
die von vorneherein zum Scheitern verurteilt
waren, und, wie gesagt, seine Ohren glühten.
Der Verdacht war im Studio mit dabei. Es war
ein konkreter Verdacht. Er hatte einen Namen
und einen Ort und war von einem Muslim in die
Welt gesetzt, also mußte er stimmen. Der
Talkshowmaster verhalf ihm griffig zur Evidenz,
indem er bekannte deutsche Geschichte mit der
ungewissen Gegenwart zusammen blendete: "Klammheimliche
Freude". Worum ging es? In der Moschee
X, im Herzen Kreuzbergs, gewissermaßen
auch im Herzen der muslimischen Gemeinschaft
Berlins, sollte es zu spontanen Beifallsbekundungen
gekommen sein, man sollte dort beim Anblick
der brennenden Türme geklatscht, gejubelt,
ja Bonbons verteilt haben. Der Politiker der
Stunde, der schwäbische Anatolier mit dem
guten Gewissen und der political correctness
tat, was von ihm erwartet wurde, widerstand
dem blendenden Studiolicht mit geraden Rücken
und einem Mienenspiel, das genau die richtige
Mischung aus Empörung und Redlichkeit aufwies,
und rief in den Saal hinein "Hinterhofmoscheen
und unkontrollierte Korankurse! Darüber
müssen wir jetzt reden!" Das Publikum
klatschte Beifall und es war eine gewisse Erleichterung
zu spüren. Die Ursachen für den Angriff
auf die US waren nunmehr zuhause geortet und
der Feind war bereits gesichtet worden. Mehr
noch, er saß im Saal und trug den Namen
des geliebten Berliner Feindbildes. Damit kannte
man sich aus. Der grundlegenden Verunsicherung,
die der Angriff ausgelöst hatte, wich eine
trügerische Sicherheit, man wisse jetzt,
Gott sei dank, was zu tun sei.
II.
Kurz nach den Ereignissen des 11. Septembers
ging eine Flut von Presseerklärungen durch
die Bundesrepublik. Islamische Organisationen
jeder ethnischen Richtung und religiöser
Couleur bekundeten darin ihre Betroffenheit
und sprachen Solidarität mit den Opfern
aus. Sie handelten in dem traurigen und für
alle noch unbegreiflichen Wissen, daß
es Muslime gewesen waren, also ihre Brüder
im Glauben, die sich zudem vorher noch rituell
gereinigt und das Gebet gesprochen hatten, um
dann dieses Massaker ungekannter Brutalität
anzurichten. In dem Schrecken der Stunde hatten
die Unterzeichner der Erklärungen nur eine
Gewißheit, die in unterschiedlichen Formulierungen
zur Sprache drang: "Das ist Mißbrauch
unserer Religion" (Jamaatunnur 13.09),
"Wer das macht, kann sich nicht auf dem
Islam berufen" (AKBM 17.09), "Das
ist dem Islam zutiefst zuwider" (ZIF 16.09),
"In keinster Weise religiös begründbar"
(IPD 16.09). Man drängte darauf, sich in
dieser Stunde an den Werten der Religion zu
orientieren und im übrigen "den gesunden
Menschenverstand" walten zu lassen (AKBM).
Andere Texte sprachen von "universellen
menschlichen Werten", die nun endlich Eingang
finden sollten, oder auch davon, daß der
Dialog nur erfolgreich sein könne, wenn
zwischen einzelnen Menschen ein Vertrauensverhältnis
existiere (IFB 12.09 und 16.09). Man müsse
jetzt mehr als je zuvor "ein friedliches
Zusammenleben fordern" (ZIF). Auch sei
jetzt ersichtlich, wie notwendig religiöse
Erziehung sei (IPD).
Der Ton der Erklärungen gipfelte bereits
hier und dort in Selbstverteidigung. Manche
nahmen schon ihre Zuflucht zu dem Korantext:
"Wenn jemand einen Menschen tötet,
so soll es sein, als hätte er die ganze
Menschheit getötet", der einige Wochen
später wie ein Riegel vor die kollektiven
Schuldzuweisungen geschoben werden sollte. Andere
suchten einen Ausweg, indem sie das Unerklärliche,
das nun wie ein Alb auf alle Muslime lastete,
in die Eindeutigkeit universeller Zahlenmystik
verwandelten, so, als ob es nicht anders hätte
kommen können, Schicksal eben:
"Date of attack: 11/9 - 9+11 = 11
September 11 is the 254th day of the year: 2+5+4
= 11
119 is the area code of Iraq
Twin towers standing side by side, looking like
the number 11
The first plane to hit the towers was Flight
no. 11". (etc., etc.)
(Raza Academy 19.09)
Lediglich die Presseerklärung der Nurculuk
schaute unverwandt in den Abgrund. Muslime seien
zwar zivilisierter geworden, so stellte sie
resigniert fest. Dennoch:
"Mit grossem Bedauern müssen wir
feststellen, dass es manche Muslime gibt, die
nicht nach dem Islam handeln. Oder sie fühlen
sich unterdrückt oder ihrer Rechte beraubt.
Aus welchen Gründen auch immer sehen sie
sich provoziert oder unterdrückt und tendieren
daher zu Gewaltanwendungen, dass hieße
nicht, dass wir die Gewalt akzeptieren".
Nur die Pflege guter Charaktereigenschaften,
etwa ein feinfühliges Empfinden oder die
Fähigkeit zur Liebe könne Zerstörung
vorbeugen. Wer auch immer sich einer solchen
Anstrengung nicht widme, wer sich den Mühen,
sich wie ein Mensch zu benehmen verschließe,
dafür gelte jedoch, was ein deutscher Philosoph
bereits längst auf dem Punkt gebracht hatte,
"Der Mensch ist des Menschen Wolf"
(Jamaatunnur).
III.
Die vielen islamischen Presseerklärungen
in der Bundesrepublik bildeten miteinander eine
klare und eindeutige Stimme der Ablehnung. Sie
versuchten beinahe verzweifelt, die Bluttat
von dem Islam zu dissozieren und stattdessen
an die menschliche Urteilskraft, an den gesunden
Menschenverstand und an gemeinsame menschliche
Werte zu appellieren. Die Stimme der Muslime
wurde aber in der Medienöffentlichkeit
nicht zur Kenntnis genommen. Das lag zum Teil
daran, daß sie in dem Sinne auch keine
neue Nachricht überbrachte. Dramen und
Sensation sind der Stoff, aus denen die Massenmedien
ihre Nachrichten produzieren. Dem Soziologen
Niklas Luhmann zufolge können sie auch
kaum anders. Denn es ist ja ihre Funktion, mit
immer neuen Nachrichten eine Realität zu
erzeugen, die kommunizierbar ist. Aber welche
Nachricht ist anschlußfähig an die
Kommunikation? Nach Luhmann hat nur das Nachrichtenwert,
was Konflikte und Normverstöße transportiert,
also das, was Sensation erzeugt. Ein ethischer
Diskurs, zumal in einer religiösen Sprache
gefaßt, findet im Nachrichtenbereich keinen
Zugang. Auch wenn die Evangelische Kirche Deutschland,
sagen wir mal, in der Karwoche die Pressemeldung
ausgehen lassen würde: "Christus ist
für uns gestorben", dürfte das
kaum Aufsehen erregen, und, vor allen Dingen,
nicht der Nachricht wert befunden werden.
Die Presse derweil hatte Anderes zu tun. Es
gab die Spur nach Hamburg und Bochum, die erkundet
werden mußte. Es gab das entschlossene
Auftreten des Innenministers. Es gab das selbstsichere,
beinahe fromme Gesicht des amerikanischen Präsidenten,
das immer wieder zu prime time eingeblendet
werden mußte. Ja, es gab allerlei zu tun.
Als Begleiter der Nachrichten erschienen die
Hintergrundberichte, in denen die Religion der
Muslime abermals aufs Korn genommen wurde: Eine
gefährliche Religion sei diese, eine, die
zu Gewalt aufrufe. Frauen verachtend, patriarchal,
fundamentalistisch, zurückgeblieben, unmodern,
you name it. Sogar der Terminus "Hitlers
Enkel" fiel, was eigentlich unpassend war.
Da zeichnete man das Profil des Feindes, des
äußeren und des inneren, und nun
führte die Spur doch wieder auf einen selbst
zurück. Es kam aber von dem Göttinger
Professor, selber ein Muslim, der die Deutschen
schon seit zwanzig Jahren gegen die muslimische
Gefahr gewarnt hatte, so einer könne es
wissen, so einem vergab man gerne dem sprachlichen
Fehltritt (Potsdamer Neueste Nachrichten 19.11).
Unter den wenigen Analysen, die sich dieser
Lawine entgegen stemmten, befand sich auch diejenige
von deutschen Orient- und Islamwissenschaftlern.
Beim Angriff auf die twin towers handle es sich
keineswegs um die Geltungsmacht einer Religion,
vielmehr ginge es um einen handfesten Konflikt,
nämlich um die Verteilung von Machtspositionen
im Nahen Osten, hieß es bereits in ihrer
Stellungnahme von 21.09:
"Besonders die gegenwärtige politische
Situation im Vorderen Orient (Stichwort: Palestinakonflikt)
sowie die Rolle der USA in der Nahostpolitik
der letzten 50 Jahre werden in den Berichten
vernächlässigt. (...) Die von einigen
Medien suggerierte Gleichung Muslim = Fundamentalist
= Terrorist ist absurd und dem Zusammenleben
verschiedener Nationen und Religionen abträglich.
(...) Nur politische Veränderungen werden
die Voraussetzungen dafür schaffen können,
daß dem Terrorismus der Nährboden
entzogen wird".
Eine Vorahnung, welche Wendung die Politik
des Vorderen Orient nunmehr nehmen könne,
sprach auch Aktion Sühnezeichen in ihrer
Erklärung zum Terroranschlag aus: "(...)
durch die aktuelle weltpolitische Situation
liegt es nahe, dass sich insbesondere Juden
in aller Welt bedroht bis retraumatisiert fühlen"
(12.09). Aber weder die deutschen Islamwissenschaftler
noch der Vorstand der Aktion Sühnezeichen
bestimmten in den Wochen und Monaten nach dem
Anschlag die Massenmedien. Die prominentesten
Zeichen an der Wand malten allesamt die "Gefahr
Islam" aus. Heute, elf Monate später,
sind die Zeichen schon wieder verblichen, die
akute Schuldzuweisung beinahe zurückgenommen.
Nur die Analysen der beiden Spezialistengruppen,
beide mit einem intimen Insiderwissen über
die Verhältnisse des Vorderen Orient, haben
sich durch die steigende Spirale der Gewalt
in Israel und Palestina bestätigt. Was
sagt uns das? Es sagt uns einmal, daß
die Hersteller einer Nachricht und die Realität
derjenigen, über die diese Nachricht handeln
soll, manchmal Lichtjahre von einander entfernt
sind. Es sagt uns auch, daß es in diesem
besonderen Fall eine Problemanzeige in der Abstimmung
von Innen- und Außenwahrnehmung gibt,
die in Richtung Definitionsmacht weist: Die
Einen wissen ganz genau, was sie über die
Anderen erzählen wollen und haben dafür
die exklusiven Erzählrechte erworben.
IV.
Einige Tagen nach der Fernsehausstrahlung des
Berliner Talkshows "Talk am Platz"
besuchte ich den Imam, in dessen Aufsichtsbereich
die inkriminierte Kreuzberger Moschee lag. Ich
fragte ihn, wie es so ging. Er antwortete, die
New Yorker Katastrophe mache ihn traurig. Aber
daß man auf dem kürzesten Weg auch
noch alle Muslime die Schuld daran gegeben habe
- das mache ihn noch mal besonders traurig.
Dann hob er an. Islam hätte mit einer solchen
Tat nichts zu tun. Das, was geschehen sei, sei
eindeutig haram. Schließlich gäbe
die islamische Tradition ein Kriegsrecht vor,
das ganz genau festlege, wie ein Muslim sich
in einer kriegerischen Auseinandersetzung zu
verhalten habe. Erstens dürften sie niemals
Nichtmuslime angreifen. Zweitens dürfe
man Kinder, Frauen, Arbeiter und Haushaltsvorstände
niemals, unter gar keinen Umstand, in die Kriegshandlung
mit einbeziehen. Und drittens, darauf käme
es jetzt insbesondere an, wäre einmal ein
Pakt mit der nichtmuslimischen Welt abgeschlossen,
im Sinne einer Handels-, oder auch einer anderen
Übereinkunft, so müßten Muslime
sich dieser unterwerfen. So sei das nun mal,
daran hätten alle sich zu halten. Was er,
der Imam, mir erzähle, sei etwas, das allen
Gläubigen hinlänglich bekannt wäre.
Und wer sich nicht daran hielt, der gehöre
nicht mehr dazu! Eine Gruppe Amerikaner jedoch,
die im Augenblick in den Massenmedien mehr Gehör
geschenkt bekäme als die Muslime selber,
behauptete etwas Anderes, etwas ganz und gar
Törichtes. Diese Leute betrieben die Gleichstellung
des Wortes "Islam" mit "Terror".
Für ihn, den Kreuzberger Imam, sei diese
Gleichstellung inzwischen zum größten
Terror ausgewachsen.
Mein Gesprächspartner hatte die lähmende
Wirkung der Machtlosigkeit erfahren und tat
nun das, was ihm aus seiner Sicht noch übrig
blieb zu tun. Er erklärte mir bis ins kleinste
Detail die zwingende Bedingungen des religiösen
Gesetzes, dessen Vertreter er war. Er stellte
Ethik über Gewalt und einen formalisierten,
weil offenbarten, Handlungsrahmen über
die Unwägbarkeiten der Handlungsfreiheit.
Es waren seine Mittel, um sich gegen die Definitionsmacht
Anderer zu Wehr zu stellen. Nur im Reden ließen
sich auch wieder die Grenzen errichten, hinter
denen sich die religiöse Tradition eingerichtet
hatte. Der Imam wollte von mir Anerkennung und
auf keinem Fall Kritik. Er dachte auch nicht
daran, die augenblickliche islamische umma einer
kritischen Betrachtung zu unterwerfen. Vielleicht
verspüren alle Vertreter religiöser
Traditionen von Zeit zu Zeit das Bedürfnis,
die Ist'-Lage mit ihrer jeweiligen Soll'-Forderung
zu vertauschen, um die Verstöße der
Stunde nicht als absolute Realität hinnehmen
zu müssen. Es mag sogar sein, daß
ein solcher Tausch dem religiösen Denken
inhärent ist. Wie auch immer, mein Gesprächspartner
stellte überall Verbotsschilder auf und
klammerte sich an die Schönheit seiner
Religion wie ein Ertrinkender. Dafür gab
es einen Grund. Wir schrieben bereits den 25.
September und die Lage unter den Berliner Muslimen
war inzwischen mehr als angespannt.
V.
Was der Imam nicht mit mir bereden wollte, war
anderswo laut und deutlich vernehmbar. Die Situation
eskalierte täglich. Viele Gemeinden empfingen
anonyme Drohungen oder haßerfüllte
Emails und die Islamische Gemeinschaft Milli
Görüsh war insgesamt zur "Islamischen
Terrorgruppe" erklärt worden. Im Arbeitskreis
Berliner Muslime war Tags zuvor Unmut zu hören
gewesen: "Müssen wir uns etwa verteidigen?
Wir brauchen das nicht!" Und junge muslimische
Sozialarbeiterinnen erzählten mir von einer
wachsenden Aggressivität muslimischer Jugendlichen:
"Die haben es satt, angemacht zu werden.
Sie fühlen sich nicht verantwortlich für
die Anschläge, nur weil sie auch Muslime
sind!" Ein bisschen meinten sie auch sich
selbst: "Die Leute starren einen an in
der U-Bahn! Manchmal möchte ich schreien:
Ich bin doch nicht eine von denen!" Kurzum,
Muslime in Berlin befanden sich auf einmal in
der wenig beneidenswerten Lage, die kollektive
Schuldzuweisung in die Schuhe geschoben zu bekommen.
Es gab jedoch noch eine andere Seite, eine,
die meine Gesprächspartnerinnen mit Scham,
aber auch mit Stolz erfüllte und die sie
sorgfältig vor mir verborgen zu halten
versuchten. Sie wurde schließlich von
einer nichtmuslimischen Berliner Lehrerin auf
den Punkt gebracht. Die Einschulung der siebten
Klasse, so ihr Fazit, war in diesem Jahr anders
verlaufen als sonst. Sie hatte diesmal gar keinen
Kontakt zu den Kindern herstellen können.
Die arabischen und türkischen Jugendlichen
schienen indes im Nerv getroffen zu sein, die
Jungen benahmen sich grob und martialisches.
Bin Laden war ihr Held. Noch nie, sagte sie,
war sie als "Christin" beschimpft
worden. Nun war es Fakt.
Es brauchte schon eine muslimische Elite, um
dieses explosive Gemisch aus Opferstatus und
Heldenverehrung zu analysieren und eine Kritik
zu formulieren. Es gab sie, die muslimische
Kritiker, aber nur eine Handvoll: Der Islamwissenschaftler
und Idol der französischen muslimischen
Jugend Tariq Ramadan, Soheib Bencheikh, Großmufti
von Marseille, die britischen Schriftstellern
Salman Rushdie und Ziauddin Sardar, der Beyruther
Dichter Abbas Baydoun, der deutsche Autor Zafer
Senocak sowie der deutsche Navid Kermani, Verfasser
einer umfangreichen Koranstudie. Man füge
noch Abu Zaid, der ägypter Theologe im
Leidener Exil, hinzu und schon wäre die
Liste komplett. Sie alle wiederholten eigentlich
nur Eines: Die Islamische Welt kennt keine Gesprächskultur
und keine Ansätze zu kritischen Diskurs.
Sie ist noch nicht mal in der Lage, die eigene
Verantwortung zu erkennen. Dafür gibt es
"den Sieg der Einheit und Gleichmacherei
über die Vielfalt und Meinungsverschiedenheit",
sowie "die Wahnvorstellung der kollektiven
Unterdrückung" (Baydoun). Es sind
dies Worte einer Elite, die die Basis noch nicht
erreicht hat.
Die Änderung, die sich im muslimischen
Berlin vollzog - eingegeben vom Gefühl,
zu Unrecht Opfer geworden zu sein und vermischt
mit der (verbotenen) Freude, "denen"
endlich mal eins ausgewischt zu haben - schien
sich anderswo auf der Welt ebenso zu vollziehen.
Das Fernsehen brachte Bilder, die die Verbotsschilder,
welche mein Berliner Imam errichtet hatte, Lügen
strafte: Applaudierende Menschenmengen in Nigeria,
Berichte von britischen muslimischen Jugendlichen,
die sich den Kampfhandlungen anschließen
möchten, Demonstrationen auf den Philippinen
oder in Indonesien. Deutsche Zeitungen berichteten
von Websites, die zum Erwerb von Waffen aufriefen
und deren Spur zur Islamischen Gemeinschaft
Milli Görüsh führe. So mancher
meiner muslimischen Bekannten stand zudem eine
Freude ins Gesicht geschrieben, die sich kaum
verbergen ließ.
Das alles hat eine sich stetig vertiefende
Trennung zwischen "Ihr" und "Wir"
zu Folge gehabt, die heute schon beinahe wieder
zum festen Inventar gehört. Die vorsichtige
Kontaktaufnahme, die in den letzten Jahren in
Berlin zu beobachten war, ist Schweigen gewichen.
Auch auf muslimischer Seite hat sich eine Erzählung
Bahn geschafft, die die Innenwahrnehmung über
die Außenwahrnehmung stellt und vornherein
schon ganz genau weiß, wie es um den Anderen
stehe. Zwar ist diese Erzählung eine Reaktion
auf die erste Erzählung, die in den ersten
Wochen und Monaten den Massenmedien beherrschte.
Trotzdem. Nun weiß man auf beiden Seiten
all zu genau, was man erzählen will und
wieviel davon, und wie gesagt, das ist nicht
in Ordnung.